![2011/09/25 Stockholm Märsta - Im Angesicht. [Zum Vergrößern ins Bild klicken.] 2011/09/25 Stockholm Märsta - Im Angesicht.](http://www.renke.info/fotos_blog/2011/2011_09_25_stockholm_maersta1.jpg)
2011/09/25 Stockholm Märsta – Im Angesicht.
[Zum Vergrößern ins Bild klicken.]
Archiv für September 2011
Ingen lunch – lektion inställd
Ich habe Freitag einmal mehr erleben dürfen, daß nicht alles in Schweden, vor allem auf der schwedischen Schule, Gold ist was glänzt, mein persönliches Empfinden über die Einstellung zu gewissen Dingen hier in der Gesellschaft wurde abermals deftig gestört. So begab es sich, daß ich meinen Unterricht morgens am Bromma-Gymnasium in Sachen Deutsch ohne Probleme abhalten konnte, wenn man davon absieht, daß meine Stirnhöhle auf Grund sich einer anschleichenden Nebenhöhlenentzündung schon wieder feierte, und zwar dermaßen, daß mich schon die morgendliche S-Bahnfahrt durchs Zentrum hindurch (ich fahre immer lustig vom nördlichen Ende der Stadt zum südlichen) viel Kraft kostete. Man kennt das ja, sitzt man halb krank in überfüllten Massenverkehrsmitteln, so kurz nach sieben. Dennoch, die Schüler hatten brav ihre Hausaufgaben gemacht, wir konnten uns an schwache und starke Verben im Deutschen heranwagen, diskutierten noch über meine schwedische Rechtschreibung und über die Aussprache von “-ig”, wie also in wichtig, meiner einer tendiert ja immer zu ‘vɪçtɪk, an der Uni sicherlich habe ich aber gelernt, daß die korrekte Aussprache doch bitteschön, auch für einen Berliner, ‘vɪçtɪç wäre. Es überlebten also die Schüler und der Lehrer, lediglich eine Packung Taschentücher ging über den Jordan.
Hiernach setzte ich mich in die S-Bahn, um meinen freitäglichen Unterricht auf einem Gymnasium in Tumba abzuhalten, was dann wieder eine Stunde Fahrzeit bedeutete. Dort angekommen wurde mir allerdings eine Überraschung nach der anderen präsentiert. Erst hieß es, man hätte Stromausfall gehabt. Nun gut, es schien die Sonne, und ich meinte, ich könnte meine beiden Deutschstunden auch ohne Strom ausführen. Hierauf wurde erwidert, daß aber auch das Internet nicht ginge. Auch dies, so meinte ich noch mit einem Lächeln und nichts böses ahnend, wäre mir schnuppe, ich könnte meine Stunden auch ohne den ganzen technischen Schnickschnack abhalten, denn a) hätte ich noch keinen PC bekommen und b) ist mir das sogenannte >>> Smart-Board immer noch unheimlich. Dies konterte man dann damit, daß auch die Belüftung ihren Dienst versagt hätte, und auch wenn der Strom wieder da wäre, diese immer noch nicht betriebsbereit wäre. Mein Hinweis auf das Öffnen eines Fensters wurde dann damit zu Grunde gerichtet, daß die Schüler doch kein Mittagsessen gehabt hätten und damit unmöglich nach 12 Uhr am Unterricht teilnehmen könnten, vielmehr wäre doch die Entlassung dieser in das Wochenende viel besser.
Nun gut, ich hatte mal wieder unterschätzt, wie wichtig das Mittagessen in Schweden ist. Ich hatte mich ja schon daran gewöhnt, daß man zwischen 12 und 13 Uhr keine Anliegen haben sollte, weder in der Schule noch beim Amt oder gar den Staatsorganen. In dieser einen Stunde sollte man gefälligst das Mobiltelefon anzünden, den PC mit Wasser überschütten und alle Türen mit Elektrozäunen absichern, denn wenn Mittag ist, dann ist Ruhe im Karton. Daß eine Schule allerdings, die schon den lieben langen Tag weiß, daß die Küche auf Grund des Stromausfalls am Morgen nicht kochen konnte, irgendwie keinen anderen Ausweg findet, als den Unterricht einzustellen, das hat mich doch schon verwundert. Ich will nun um Gottes Willen nicht verlangen, daß die Schüler ohne etwas gegessen zu haben, den ganzen Tag an der Schule ausharren sollen. Allerdings kann ich mich erinnern, daß in Deutschland erst der Unterricht geschmissen wurde, wenn entweder das Schulhaus einzustürzen drohte bzw. anderweitig Gefahr für Leib und Leben bestand (irgendein Orkan, >>> Krawalle in der Mainzer Straße). Wenn die Küche eben nicht kochen konnte, dann wurde Kaltverpflegung auf die Beine gestellt.
So hat es mich also am Freitag erwischt, und zwar kalt, denn weder eine Email noch ein Anruf wurden in die Welt abgesetzt, um mich davon abzuhalten, zum Unterricht aufzuschlagen. Nun gut, Email ging ja nicht, die Schule hatte wirklich kein Internet, aber die Mobiltelefone funktionierten noch, und zwar ausgezeichnet …
Ingen lunch – lektion inställd -
kein Mittagessen – Unterrichtsstunde eingestellt
Man staune also, ich bin immer noch nicht wirklich in der schwedischen Gesellschaft angekommen, denn nur meine spanische Kollegin und ich nahmen Anstoß an dieser abrupten Einstellung der Unterrichtsstunden. Ein kollegialer Austausch mit dem schwedischen Lehrpersonal förderte zu Tage, daß Lunch als feste Institution im schulischen Tagesablauf nicht so einfach mit kalter Küche ersetzt werden könne.
Ich frage mich, wieso eigentlich nicht?
Ich will gar nicht erst erwähnen, daß meine Planungen natürlich völlig über den Haufen gefahren wurden, und ich zwei unterschiedliche Gruppen, die ab Montag zusammen unterrichtet werden sollen, nun irgendwie auf einen Nenner bringen muß – der einen fehlt ja nun eine Stunde. Das einzig positive: Ich kriege den Ausfall trotzdem bezahlt.
Silvia (aus Italien) und ich (aus Deutschland), in Schweden sitzend und zusammen wohnend, bewundern die Arbeit des >>> Goethe-Instituts in Rom und werden in Zukunft hart daran arbeiten, uns an die nationalen Macken, wie in dem Filmchen unten aufgezeigt, zu halten. Das inkludiert natürlich, daß Silvia in Zukunft den Müll direkt aus der Küche vom Balkon runter schmeißt und ich werde wohl gleich gen Birkenstock flitzen, Sandalen fehlen [noch] in meiner Schuhkollektion … Va bene!
Man ahnt es vielleicht schon, der Sommer ist hin, geradezu weg, zumindest hier in Stockholm. Das Thermometer setzt in den Nächten schon zu regelrechten Sturzflügen an, wir bewegen uns sehr knapp an der Grenze zu Minusgraden. Und meiner einer ist nun zurück im Arbeitsleben, ich habe endlich wieder die Ehre, schwedischen Schülern Deutsch überhelfen zu dürfen, auch wenn bis Mitte September noch der eine oder andere Tag für das touristische Führen von Touristen angedacht ist, die sich bei Problemstellungen des Alltags übrigens genauso wie meine Schüler verhalten.
So hatte ich eine Gruppe am Dienstag, die von mir auf einem kleinen Bötchen Stockholm gezeigt bekommen sollte, die von mir heiß geliebte “Canal Tour”. Brav stand ich im Stadthafen von Stockholm und nahm meine Gäste entgegen, die frohen Mutes von ihrem Kreuzfahrtschiff kamen, um nach einem kleinen Fußweg auf das Touristenbötchen umzusteigen. Wie immer hat man einige Nachzügler, auf die man gesondert wartet, das ergibt sich einfach, schließlich wollen jedesmal hunderte von Reisenden Stockholm entdecken, es herrscht dann immer Chaos. Und so kamen dann auch irgendwann die letzten zwei Passagiere, völlig aufgelöst und arg gestreßt, im wehenden Winde, und fragten gezielt bei mir nach, ob ich denn für die Bootstour zuständig wäre, was ich positiv beschied, und ob denn der Bus auf sie warten würde. Als ich dieses dann mit einem Nein beantwortete, brach die Welt für einige Millisekunden zusammen, das schöne Geld wäre futsch, der ganze schöne Tag ruiniert, und überhaupt, was für eine “saumäßige” Organisation dies doch wäre, wartete man nicht einmal 5 Minuten auf verspätete Passagiere. Nach diesem Gewitter fragte man meinerseits leicht irritiert, wie so ein Bus denn die Kanaltour durchführen sollte, schließlich wären das ja keine Amphibienfahrzeuge, und es wäre doch eigentlich auch das Wort “Boot” gefallen, also Wasserfahrzeug, wieso solle ein Bus auf uns warten? Ein wunderbares und exemplarisches Beispiel dafür, daß man einfach die richtigen Fragen stellen muß, um die richtigen Antworten zu bekommen.
Dieses Lebensweisheit habe ich just am gestrigen Tage selbst vorgesetzt bekommen, denn hatten einige meine Schüler eine Freistunde, da ich auf eine andere Schule mußte, Konferenzen. Deswegen gab es dann auch eine sogenannte “Heimaufgabe”, welche sozusagen ein Ersatz für die ausgefallene Stunde war. Ich fragte dabei frank und frei, was unter anderem die Nordsee und Merkel wären, und dachte mir eigentlich nichts böses dabei, und empfahl zudem den Schülern, das Internet als Recherchemöglichkeit zu benutzen. Ergebnis meiner unbedarften Fragen war dann, daß “Merkel” eine deutsche Webseite wäre, was genau dann stimmt, wenn man im schwedischen Google nach Merkel >>> sucht, und außerdem ein deutscher Nachname sein sollte. In diesem Falle: eins zu null für die Schüler, als falsch kann ich das nun wahrlich nicht ankreuzen. Vielleicht hätte man ja meinerseits die Frage so präzisieren können, daß die Schüler dann einfach auf die Kanzlerin kommen könnten. Ähnlich verhielt es sich mit der Nordsee. Mehrere Schüler eröffneten mir schriftlich, daß dies eine der größten Restaurantketten in Europa wäre, die ihre Kunden mit allerlei Fischmahlzeiten versorge. Womit sie wiederum völlig richtig lagen, wenn man nach Nordsee auf der schwedischen Google-Seite >>> sucht. Sie kamen einfach nicht darauf, daß die gute alte “Nordsjön” die Nordsee sein könnte. Beim Begriff Ostsee wurde mir dann übrigens nicht das Meer angeboten, sondern die älteste Galopprennbahn in Europa, die >>> Ostseerennbahn zwischen Heiligendamm und Bad Doberan.
Wunderbar. Das Experiment “Landeskunde” auf eigene Faust kann also als voller Erfolg bezeichnet werden, auch wenn die Antworten hier und da ziemlich von meinen Erwartungen abweichen. Das allerdings passiert eben genau dann, wenn man seine Fragen an die Schüler nicht bedenkt und abwägt. Ich gebe allerdings zu, daß ich ob dieser Antworten schmunzeln mußte, sie können es aber auch nicht besser wissen.
Vergangen ist mir das Schmunzeln allerdings heute, denn die angedrohte Fahrpreiserhöhung um fast 12 Euro für die Monatskarte wurde in die Tat umgesetzt. Zwar habe ich meine Karte gestern verlängern müssen, und dies noch zum alten Preis, warum ich aber für den ganzen Schrott hier, es sind Berliner Verhältnisse, in Zukunft 85 € abdrücken soll, ist mir noch nicht so ganz klar. Aber es hilft ja nichts, das Fliegen wurde mir nicht in die Wiege gelegt.
So warten wir hier nun langsam auf den Winter, der Herbst wird ja hier in Schweden genauso wie der Frühling nur sehr minimalistisch angeboten, und freuen uns einfach auf die ersten Schneefälle, die wohl bald um die Ecke kommen werden. [Ich gebe zu, ich bin wahrscheinlich der Einzige, der sich schon wieder auf das weiße Zeugs freut.]
Schlitten ahoi!





>>> hinterlassen