Archiv für die Kategorie '(ge)bildet'

Ein schwedisches Wort – nr. 49

Am gestrigen Freitagmorgen war die Weltpresse ja durchaus mit wichtigen Ereignissen auf unserem Planeten beschäftigt. So werden in Stockholm und Oslo die Nobelpreise übergeben, wie jedes Jahr am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel. Etwas wichtiger, nicht verwunderlich, war gestern auch der >>> Klimagipfel in Durban, dem ja das Scheitern drohte bzw. immer noch droht. Die Nummer eins am gestrigen Morgen war sicherlich aber der >>> EU-Gipfel in Brüssel, manche Medien meinten ja, das Überleben der EU würde von ihm abhängen.

In Schweden hingegen machten sich ganz andere Sorgen breit, die größte Tageszeitung des Landes, die man für lau aus einem Zeitungsspender entnehmen kann, stellte entsetzt auf ihrer Titelseite fest:

2011/12/09 Metro Stockholm, Titelseite.
Ausriß: >>> metro, Ausgabe Stockholm, 2011/12/09, Titelseite.

 julgranspanik
Auf diesem Wörtchen soll die Aufmerksamkeit liegen, und der findige Leser wird mir sicher beipflichten, daß vor allem das letzte Drittel des Wortes wohl offensichtlich ein Ausdruck dafür ist, daß etwas nicht stimmt. Der Grad dessen läßt sich relativ einfach messen, schwedische Panik unterscheidet sich in Bedeutung und Wirkung rein gar nicht von der deutschen. Schuld an der Panik sind übrigens, wie man auf dem Ausriß noch erkennen kann, die Dänen. Das lästige Nachbarvolk muß immer als Erstes daran glauben, wenn in Schweden etwas den Bach heruntergeht. Eine Stufe tiefer landet die Provinz Schonen (Skåne), die man wahrscheinlich mit dem Beliebtheitsgrad der Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt vergleichen könnte, was an dieser Stelle natürlich nicht meine eigenen Ansichten widerspiegelt. Die Schonen sind also immer dann hilfsweise schuld, wenn die Dänen und ihr Land schon ausreichend durch den Kakao gezogen wurden.

Natürlich sind die Dänen und Schonen nicht an dem Ergebnis des EU-Gipfels in Brüssel schuld, schon gar nicht können sie sich die Verantwortung für den schleppenden Verlauf des Klimagipgels auf die Fahnen schreiben. Dennoch ist es ihnen gelungen, für Panik in Schweden zu sorgen, denn der Frühling bei ihnen war einfach zu kalt. Konsequenz dieses eigensinnigen Klimaverhaltens ist, daß einige Gewächse nicht ausreichend gedeihen konnten, die ein jeder Schwede in Bälde jedoch benötigt, in seiner heimischen Hütte. Und dies klappt nun dieses Jahr offensichtlich nicht so, wie man sich das erhofft hat. Was eigentlich heißen soll, daß die Preise für jene Gewächse angezogen haben. Wir wissen ja, das im Kapitalismus Angebot und Nachfrage den Preis regeln; wird es etwas knapp, so wird’s eben teurer. Wie eigentlich alles in diesem Jahr, so direkt vor Weihnachten. Das hält die Leute aber nicht vom Kaufen ab. Im Gegenteil, beim örtlichen LIDL an meiner Schule in Tumba zankt man sich neuerdings panisch um Dominosteine und Marzipanstollen, in der S-Bahn werden seit Tagen fast schon hysterische Blicke ausgetauscht, setzt man sich mit seinen Einkaufstüten voller eingepackter Geschenke auf seinen Platz. [Die Tüten werden natürlich weit geöffnet und sichtbar plaziert, man möchte ja zeigen, daß alles noch größer, bunter und edler geht. Wer dann mit seiner eigenen Tüte nicht mithalten kann, wird indirekt durch Blicke zum Aussteigen aufgefordert, was hier und da zu panikartigen Fluchtaktionen führt].

Ich gebe zu, ich weiche vom Thema ab. So saß ich gestern Morgen also in der S-Bahn, hatte mich durch Konsultation des Internets darüber informiert, daß die EU wahrscheinlich in einer Sinnkrise steckt, überlebte übrigens auf dem Gange zur S-Bahnstation fliegende Mülleimer, ausgelöst durch einen heftigen Sturm in der Hauptstadt, und wurde dann also durch das Titelblatt meiner Morgenlektüre gewzungen, mich mit einer schwedischen Panikattacke auseinander zu setzen.

 julgranspanik –   Weihnachtsbaumpanik

Ich frage mich, wann eigentlich bei den Schweden die Alarmglocken so richtig loslegen? Klimawandel und ein zerknautschtes Europa reichen zumindest jetzt nicht aus, um auf die Titelseite zu gelangen, obschon Schweden als Mitglied der Union und Teilhaber am Weltklima mit im sinkenden Boot sitzt.

In freudiger Erwartung der Auswüchse dieser Panik (ich habe da schon gewisse Fantasien im Kopfe), und dem Wissen, daß ich keinen Weihnachtsbaum brauche (er paßt schwer ins Handgepäck), wünsche ich nun einfach und unkompliziert einen schönen dritten Advent, der sich hoffentlich am morgigen Tage ohne Nebenwirkungen einstellt.

Ein schwedisches Wort – nr. 48

 Ingen lunch – lektion inställd

Ich habe Freitag einmal mehr erleben dürfen, daß nicht alles in Schweden, vor allem auf der schwedischen Schule, Gold ist was glänzt, mein persönliches Empfinden über die Einstellung zu gewissen Dingen hier in der Gesellschaft wurde abermals deftig gestört. So begab es sich, daß ich meinen Unterricht morgens am Bromma-Gymnasium in Sachen Deutsch ohne Probleme abhalten konnte, wenn man davon absieht, daß meine Stirnhöhle auf Grund sich einer anschleichenden Nebenhöhlenentzündung schon wieder feierte, und zwar dermaßen, daß mich schon die morgendliche S-Bahnfahrt durchs Zentrum hindurch (ich fahre immer lustig vom nördlichen Ende der Stadt zum südlichen) viel Kraft kostete. Man kennt das ja, sitzt man halb krank in überfüllten Massenverkehrsmitteln, so kurz nach sieben. Dennoch, die Schüler hatten brav ihre Hausaufgaben gemacht, wir konnten uns an schwache und starke Verben im Deutschen heranwagen, diskutierten noch über meine schwedische Rechtschreibung und über die Aussprache von “-ig”, wie also in wichtig, meiner einer tendiert ja immer zu ‘vɪçtɪk, an der Uni sicherlich habe ich aber gelernt, daß die korrekte Aussprache doch bitteschön, auch für einen Berliner, ‘vɪçtɪç wäre. Es überlebten also die Schüler und der Lehrer, lediglich eine Packung Taschentücher ging über den Jordan.

Hiernach setzte ich mich in die S-Bahn, um meinen freitäglichen Unterricht auf einem Gymnasium in Tumba abzuhalten, was dann wieder eine Stunde Fahrzeit bedeutete. Dort angekommen wurde mir allerdings eine Überraschung nach der anderen präsentiert. Erst hieß es, man hätte Stromausfall gehabt. Nun gut, es schien die Sonne, und ich meinte, ich könnte meine beiden Deutschstunden auch ohne Strom ausführen. Hierauf wurde erwidert, daß aber auch das Internet nicht ginge. Auch dies, so meinte ich noch mit einem Lächeln und nichts böses ahnend, wäre mir schnuppe, ich könnte meine Stunden auch ohne den ganzen technischen Schnickschnack abhalten, denn a) hätte ich noch keinen PC bekommen und b) ist mir das sogenannte >>> Smart-Board immer noch unheimlich. Dies konterte man dann damit, daß auch die Belüftung ihren Dienst versagt hätte, und auch wenn der Strom wieder da wäre, diese immer noch nicht betriebsbereit wäre. Mein Hinweis auf das Öffnen eines Fensters wurde dann damit zu Grunde gerichtet, daß die Schüler doch kein Mittagsessen gehabt hätten und damit unmöglich nach 12 Uhr am Unterricht teilnehmen könnten, vielmehr wäre doch die Entlassung dieser in das Wochenende viel besser.

Nun gut, ich hatte mal wieder unterschätzt, wie wichtig das Mittagessen in Schweden ist. Ich hatte mich ja schon daran gewöhnt, daß man zwischen 12 und 13 Uhr keine Anliegen haben sollte, weder in der Schule noch beim Amt oder gar den Staatsorganen. In dieser einen Stunde sollte man gefälligst das Mobiltelefon anzünden, den PC mit Wasser überschütten und alle Türen mit Elektrozäunen absichern, denn wenn Mittag ist, dann ist Ruhe im Karton. Daß eine Schule allerdings, die schon den lieben langen Tag weiß, daß die Küche auf Grund des Stromausfalls am Morgen nicht kochen konnte, irgendwie keinen anderen Ausweg findet, als den Unterricht einzustellen, das hat mich doch schon verwundert. Ich will nun um Gottes Willen nicht verlangen, daß die Schüler ohne etwas gegessen zu haben, den ganzen Tag an der Schule ausharren sollen. Allerdings kann ich mich erinnern, daß in Deutschland erst der Unterricht geschmissen wurde, wenn entweder das Schulhaus einzustürzen drohte bzw. anderweitig Gefahr für Leib und Leben bestand (irgendein Orkan, >>> Krawalle in der Mainzer Straße). Wenn die Küche eben nicht kochen konnte, dann wurde Kaltverpflegung auf die Beine gestellt.

So hat es mich also am Freitag erwischt, und zwar kalt, denn weder eine Email noch ein Anruf wurden in die Welt abgesetzt, um mich davon abzuhalten, zum Unterricht aufzuschlagen. Nun gut, Email ging ja nicht, die Schule hatte wirklich kein Internet, aber die Mobiltelefone funktionierten noch, und zwar ausgezeichnet …

 Ingen lunch – lektion inställd -  kein Mittagessen – Unterrichtsstunde eingestellt

Man staune also, ich bin immer noch nicht wirklich in der schwedischen Gesellschaft angekommen, denn nur meine spanische Kollegin und ich nahmen Anstoß an dieser abrupten Einstellung der Unterrichtsstunden. Ein kollegialer Austausch mit dem schwedischen Lehrpersonal förderte zu Tage, daß Lunch als feste Institution im schulischen Tagesablauf nicht so einfach mit kalter Küche ersetzt werden könne.

Ich frage mich, wieso eigentlich nicht?

Ich will gar nicht erst erwähnen, daß meine Planungen natürlich völlig über den Haufen gefahren wurden, und ich zwei unterschiedliche Gruppen, die ab Montag zusammen unterrichtet werden sollen, nun irgendwie auf einen Nenner bringen muß – der einen fehlt ja nun eine Stunde. Das einzig positive: Ich kriege den Ausfall trotzdem bezahlt.

Ein schwedisches Wort – nr. 47

Nach einer Woche S-Bahnfahren in Stockholm, berufsbedingt, möchte ich den Berliner an dieser Stelle mitteilen: Seid froh über das, was ihr in der Hauptstadt habt!

Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal so viel Zeit in S-Bahnzügen verbracht habe, die zwar alles mögliche machten

(z.B. summen, tiefkühlen, brummen, stinken, flackern, ermahnen

[Tänk på avståndet mellan vagn och plattform när du stiger av. Dt.: Denken sie an die Lücke zwischen Bahnsteig und Fahrzeug, wenn sie aussteigen. Das macht der Zug natürlich genau dann und immmer wieder, wenn man auf freier Strecke 40 Minuten vor einem roten Signal steht],

überfüllt sein, auseinanderfallen …),

aber eben nicht fuhren. Wenn man also apathisch in einem solchen Zug sitzt, der Fahrer was von roten Signalen stammelt, meint, man müßte da nun einfach gemeinsam durch, man könne nichts machen, er schon gar nicht, und eigentlich wäre das alles ja gar nicht so schlimm, es würde sicher irgendwann wieder grün werden

(es wurde grün, irgendwann, und dann brauchte der Zug für eine Station genau 25 Minuten),

dann nimmt man das am Montag einfach zur Kenntnis und verschiebt seinen Feierabend zu Hause etwas nach hinten.

Am Dienstag war dann Stromausfall. Wäre wieder alles gar nicht so schlimm. Man könne nichts machen. Ich habe meine Touristen am Boot mit Ach und Krach gerade so noch pünktlich erreicht. [Nicht, legt man deutsche Maßstäbe an.]

In Karlberg war am Mittwoch das Signal wieder hinüber. Man wüßte nicht, wann es weiter ginge. [Frage an mich selbst: Könnte man nicht mal die Betriebsleitung befragen?] Anstatt 36 Minuten Fahrzeit kroch der Zug nach 90 Minuten in Märsta ein.

Ich habe mich am Donnerstag geweigert, aus dem Haus zu gehen.

Heute früh: 60 Minuten Verspätung. Signalfehler. Für mich war zweiter Schultag. Ich war gezwungen, die S-Bahn gleich dreimal zu benutzen, da ich an zwei unterschiedlichen Schulen arbeite. Der Morgenkurs mußte geschoben werden. Zwei Nachmittagskurse erlebten einen vor dem S-Bahnsystem kapitulierenden Renke. [Weichenstörung. Verspätungen im gesamten Netz bis zu 30 Minuten.]

Der Stockholmer nennt das Ganze einfach nur Pendeltågseländet, ich nenne das einfach nur das S-Bahn-Elend.

Ich bin gespannt, was mich nächste Woche erwartet, das Vokabular wurde diese Woche noch nicht >>> ausgereizt.

Und nein, ein Auto wäre keine Alternative. Mit einem solchen braucht man jeden Tag fast zwei Stunden in die Stadt. Wenn man (realistischerweise) annimmt, daß man pro Werktag mit der S-Bahn nur 60 Minuten Verspätung hat, und statistisch einmal in der Woche wirklich alles gutgeht, dann bleibt der ÖPNV einfach die am wenigsten Zeit verbrauchende Alternative.

Ich möchte fliegen.

Alter Schwede!

Am gestrigen Tage hatte ich wieder die Ehre, meine Touristen auf Schloß Drottningholm zu führen, was an sich recht angenehm ist, weil das Schloß bei weitem nicht so überrannt wird wie das Schloß in der Altstadt, allerdings ist die Sortierung der unterschiedlichen Besitzer des Schlosses und seiner Regenten recht anstrengend, man muß aufpassen, welchen Namen man mit welcher Ordnungszahl in Verbindung bringt, bzw. ist es wichtig, die Zwischennamen den richtigen Vornamen zuzuordnen. Denn wir hätten da unter anderem die Königinnen >>>  Hedvig Eleonora av Holstein-Gottorp, >>>  Ulrika Eleonora, född prinsessa av Danmark, drottning av Sverige und nicht zu vergessen Königin >>> Lovisa Ulrika av Preussen. Die Damen waren natürlich nicht einsam, so daß man auch die dazugehörigen Kinder und Ehemänner im Köpfchen haben sollte, als da u.a. wären: >>>  Kung Karl X Gustav av Sverige, >>>  Kung Karl XI av Sverige und  >>> Kung Karl XII av Sverige. Gott sei Dank wird die ganze Riege an Karls zwischendurch aufgelockert, >>> Kung Adolf Fredrik av Sverige bringt ein bißchen Abwechslung auf die Zunge.

Und nachdem man wieder einmal heil aus dieser Führung herausgekommen ist, ohne dabei die Zunge über den Jordan zu schicken (erst das Ganze auf Schwedisch, dann auf Deutsch), und man frank und frei mit der Gruppe am Schloßtheater entlanglief, um zum Busse zu gelangen, da passierte es wieder (ich war gerade dabei, mir vor meinem geistigen Auge auf die Schulter zu klopfen) – es wurde eine Frage gestellt: “Woher kommt eigentlich …?” Nun denn, bis zum “eigentlich” hatte ich mir nichts böses gedacht, vielleicht würde etwas wie “… der Name Drottningholm?” oder “der Name Chinaschloß?” nachgefragt. Nein, diesmal sollte es rein gar nichts mit dem Schloß zu tun haben, es war einfach die allgemeine Frage:

Woher kommt eigentlich die Redewendung “Alter Schwede”? 

Schade, ich bin leider kein etymologisches Wörterbuch, vielleicht werde ich irgendwann mal eines, aber gestern war an dieser Stelle dann Schluß mit lustig. Dem Fragenden mußte ich leider eine Antwort schuldig bleiben, habe aber inzwischen, wenn auch zu spät, die Lösung gefunden. Und da das Internet ja auch einen Bildungsauftrag hat, will ich meine Recherchen zu dieser Redewendung auch gar nicht vorenthalten.

Des Rätsels Lösung also ist, daß der Begriff “alter Schwede” nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges aufkam. Die Schweden waren ja unter dem König >>> Gustav II. Adolf u.a. bis nach Bayern vorgedrungen, wurden allerdings später von >>> Wallenstein zurückgedrängt. Jedoch waren die Schweden recht renitent und kampferprobt, so daß sie nach dem Krieg von >>> Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg, der später in den Nordischen Kriegen gegen das schwedische Königreich kämpfte, für sein Heer als Ausbilder angeworben wurden. Durch ihre erfolgreichen Methoden vor allem in Bezug auf den Drill der Soldaten, verschafften sich die Schweden Respekt bei den Männern von Friedrich Wilhelm und wurden kurzerhand einfach nur noch “die alten Schweden” genannt. Die positive Konnotation hat sich bis heute gehalten, zumeist wird diese Redewendung ja z.B. als freundschaftlicher Anruf angewendet bzw. als Ausdrucksmittel von Bewunderung als auch positiver Überraschung benutzt.

Tja, nun weiß ich es, und hoffe, daß diese Erklärung ein Weilchen im oberen Stübchen sitzen bleibt. Sie könnte sogar noch ein bißchen Platz machen, ich warte eigentlich bei jeder Führung darauf, daß man mich nach den “schwedischen Gardinen” fragt. Ich hatte die Erklärung dafür schon einmal erforscht, aber sie ist mir unerlaubterweise abhanden gekommmen. Das mit den grauen Zellen ist eben doch eine schwierige Sache.

PS. Feierlich verspreche ich an dieser Stelle, es zu unterlassen, solch historische Erklärungen fortlaufend und kontinuierlich in meinen Blog zu setzen.

PPS. Ich habe einfach google.de zu meinen Recherchen benutzt, Suchbegriff: >>> Etymologie “alter Schwede”.

Ein schwedisches Wort – nr. 46
[resp. unabdingbares Nahverkehrsvokabular]

Wenn einer Reise tut, so kann er viel erzählen. Und wer dies als Individualtourist oder Einwohner nun unbedingt mit dem Stockholmer öffentlichen Person- und Nahverkehr machen möchte oder machen muß, der sollte grundsätzlich ein paar Kenntnisse in Sachen “Fehlermeldungen” haben, die hier und da, gerne eigentlich jeden Tag, auf den elektronischen Anzeigen von U-Bahn, Pendeltåg (S-Bahn), Bus und verschiedenen Lokalbahnen auftauchen und den Reisenden darauf hinweisen, daß eine unkomplizierte Reise von A nach B an dieser Stelle ihr plötzliches Ende findet und der Kampf ums Überleben inmitten des Stockholmer Nahverkehres unmittelbar bevorsteht. [...] Fortsetzung ‘Ein schwedisches Wort – nr. 46
[resp. unabdingbares Nahverkehrsvokabular]‘

Ein schwedisches Wort – nr. 45

Angesichts aktueller Ereignisse von wahrer Wichtigkeit, bietet es sich heute einmal an, lieber Leser, Frontalunterricht zu betreiben, natürlich im Rahmen der technischen Möglichkeiten eines Blogs. Ich biete zwei Wörter an, die einem im Moment tagtäglich um die Ohren gehauen werden, und eines, was die anderen beiden mehr oder weniger zusammenfaßt, als wir da nun hätten:

Julbordet + Svininfluensan = förstörda julvansinnet

Nun gut, Svininfluensan schreit ja förmlich gewaltig nach dem deutschen Pendant Schweinegrippe, welchem es dann auch entspricht, grammatikalisch ganz richtig: die Schweinegrippe. Denn, genauso wie in Deutschland hat das Thema Schweinegrippe die Medien und die Gesellschaft in Schweden fest im Griff. Im Zug wird man neuerdings komisch bis bestrafend angeguckt, hustet man aus Versehen ein bißchen. Es ist dabei völlig unerheblich, ob man nun eine Erkältung hat, natürlich eine ganz ordinäre, oder die Klimaanlage des Fliegers die Nase noch zum Tanzen bringt:  Solange man nicht an der Svininfluensa leidet, hat man gefälligst nicht zu husten bzw. ist man von ihr befallen, fährt man natürlich nicht Zug. Allerdings ist die Impfpanik in Schweden in Bezug auf das Virus nicht ganz so dramatisch und heiß diskutiert wie in Deutschland, hier werden ganze Schulen durchgeimpft, ein Phänomen, was ich zuletzt in der DDR erlebt habe. Dennoch hat die Schweinegrippe ernsthafte Auswirkungen auf den Julvansinne. Wer nun bei der Übersetzung ins Schlingern gerät, es sollte nicht so einfach wie bei Svininfluensa sein, dem sei gesagt, daß dies durchaus statthaft ist, dennoch leicht sein sollte, kennt man den Renke und seine Einstellung zum alljährlichen  Weihnachtswahnsinn, der ja bei LIDL und Co. schon Ende August Einzug hält. Und genau dieser Wahnsinn, der Julvansinne, wird nun angegriffen durch die Svininfluensa. Sicher, das Aufstellen von Tannenbäumen wird kaum durch die Schweinegrippe tangiert, auch die Wahlen der Lucia anläßlich des Sankta-Lucia-Tages sollten kein Problem sein, allerdings wird mehr und mehr das Julbord über den Haufen geschossen. Wer es noch nicht kennen sollte, Julbordet heißt frei übersetzt soviel wie  der Weihnachtstisch und stellt eine schwedische Tradition dar, die alljährlich massenweise zelebriert wird, ab Ende November bis ran zum Heiligabend. Dabei wird meist ein Buffet aufgebaut, an dem man sich dann schön der Reihe nach bedient und an den unterschiedlichsten Gerichten vergreift, wie z.B. an Köttbullar, Julskinka (Weihnachtsschinken), Janssons frestelse, Julmust, Schnaps usw. Und damit man auch maximal in Gesellschaft essen und trinken kann, wird dieses Julbord so ziemlich von allen und jedem abgehalten und durchgeführt. Die Angestellten der Universitäten haben ihr Julbord, genauso wie kleine und große Firmen, Schulen, Studentenheime, Kindergärten, jeder, aber einfach jeder muß einmal im Jahr an solch ein Julbord ran. Wirklich immer einmal im Jahr? Diesmal nicht! Denn inzwischen werden auf Grund der Schweinegrippe reihenweise die Weihnachtstische umgekippt. So hat jüngst ein südschwedisches Unternehmen seinen dreitausend Angestellten mitteilen lassen, daß dieses Jahr das Massenessen ausfallen werde, anstatt eines gemütlichen Beisammenseins am Tische wird nun ein Massenausflug in den Zirkus im Frühling angesetzt. Die Mitarbeiter sehen die Sorgen ihres Arbeitgebers freilich ganz anders und sind leicht aufgeregt darüber, daß ihr geliebtes Julbord einfach abgesetzt wurde und glauben nicht daran, daß die Absage zum Schutze der Gesundheit getätigt wurde. Vielmehr bestehen sie darauf, daß ihr Julbord durchgeführt werde, so zumindest kann man dies in den >>> Dagens Nyheter vernehmen.

Und damit hätten wir eigentlich auch schon den zerstörten Weihnachtswahnsinn, förstörda julvansinnet, in Schweden bremst man leicht die Traditionen aus. Sicher, Weihnachten ist nun nicht total zerstört, ich würde niemals ein solches Szenario aufbauen, allerdings ist es schon interessant zu beobachten, wie die Nationen unterschiedlich berührt werden – angegriffen von der Schweinegrippe. In Deutschland wird ja mehr oder weniger geunkt, daß man Fußballspiele meiden solle, auf diesen Trichter ist man hier aber noch nicht gekommen. Ein schwerer Eingriff ist die Absage eines Julbord schon, für die Schweden. Ich selber feiere die Angst vor dem Virus, denn ich kann, es tut mir leid dies konstatieren zu müssen, mit dem Julbord nichts anfangen. Wie schon mehrmals bekannt gegeben, hasse ich Julmust, auch Janssons frestelse ist fern davon, mein Herz weihnachtlich aufleben zu lassen und bei Julskinka renne ich einfach nur noch weg, weit weg. Abzuwarten bleibt allerdings, inwiefern sich die Panik bis nach Falun vorarbeitet, bisher stehen zwei Einladungen zum Julbord in meinem Kalender, und bisher ergab sich keine Möglichkeit, diese mit dem Radiergummi vom Papiere zu fegen. Daher rücke ich davon ab, daß wir hier in Falun bereits einen zerstörten Weihnachtswahnsinn hätten, ganz im Gegenteil, der Vermieter stellt schon wieder Tannenbäume en masse in Höfen und Vorgärten auf, ich wurde gestern von Weihnachtsliedern beim Einkaufen gnadenlos und hinterrücks überwältigt und irgendwie rennen hier im Studentenwohnheim schon alle ganz panisch hin und her, weil Geschenke her müssen. Das Wort shopping wird inflationär durch die Flure gehallt und ich selber frage mich bei Ankunft dieses in meiner Ohrmuschel immer, was das eigentlich mit Weihnachten zu tun hat …

Aber was soll man machen, der Entzug vom Weihnachtswahnsinn ist schwerlich durchzuführen, ich säße sonst nur noch in meinem Kämmerlein und betrachtete die Wand. Daher schreiten wir also frohen Mutes gegen Schweinegrippe in den Wahnsinn und lassen Weihnachten einfach auf uns zukommen! In diesem Sinne sei die heutige Kurzausbildung in der schwedischen Sprache beendet und ein Gruß aus einem grauen und nicht winterlichen Falun, es regnet und regnet, in die Welt entsandt.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 >>