Wütend? Hilflos? Abgekämpft!

Ich glaube, denke, meine, bin mir fast sicher, daß es kaum Momente in meinem Berufsleben gibt, die mir zusetzen. Und nun meine ich nicht Arbeit. Nicht das übliche, eigentlich nett gemeinte Klagen meinerseits über meinen Schreibtisch, die Prüfungen, Planungen des Unterrichts. Und auch nicht die Disziplin im Klassenzimmer. Das Gerangel mit Kollegen um Bücher und Papier.

Nein. Das setzt mir nicht zu. Ganz und gar nicht. Bis zum gestrigen Abend war ich mit der Schule und mir im Reinen. Auch mit meiner leichten Verrücktheit im Klassenzimmer, deren Ursprung der Wille ist, mit viel Engagement und Herzblut jungen Menschen, sind sie doch fast noch Kinder, eine fremde Sprache beizubringen.

Und es ist selbstverständlich, daß ich als Klassenlehrer diese jungen Menschen begleiten darf. Hier und da sogar ein bißchen Einfluß nehme. Sanft, mit Nachdruck, mit dem Renke-Lächeln (es zieht sich von einem Ohr zu dem anderen). Und manchmal recht bestimmt.

Dies alles kann ich vertreten, verteidigen, akzeptieren, konstruktiv kritisieren lassen.

Aber abends um zehn eine Nachricht zu erhalten, von Eltern, deren Kind auf dem Weg von der Schule nach Hause von anderen Schülern, von größeren, in der Überzahl, geschlagen wurde, – das ist hart. Am Morgen danach die Spuren im Gesicht des Kindes zu sehen – das ist auch hart. Dafür Sorge zu tragen, daß dieses Kind keine Angst vor der Schule bekommt, das ist ebenso hart. Mit anderen Klassenlehrern und Kollegen und der Schulleitung zu sprechen, das macht vielleicht hart.

Dem Kind eine Stunde in die Augen zu gucken, vorbei an den Schrammen und den blauen Flecken, ist hart.

Zu akzeptieren, daß man sich auf die Jüngsten in der Schule stürzt, in der Überzahl, feige, ohne Anlaß, das ist hart.

Und letzten Endes diesen Tag selbst zu überstehen, das ist hart.

Ich finde es an diese Stelle bedauerlich, daß ich der Schweigepflicht unterstellt bin. Das ist auch hart. Sonst würde ich hier ausführlich darlegen, warum ich wütend bin, immer noch, die letzten Stunden in der Schule hilflos war, und mich im Moment völlig abgekämpft fühle.

Mein Gerechtigkeitssinn läuft Amok.

Ich glaube, ich habe seit gestern das erste mal, mit voller Wucht, die Dimensionen meines Berufes erfahren. Und auch dies ist hart. Ein Panikgefühl im Magen zu bemerken, wenn man Kenntnis darüber erlangt, daß einem Schüler körperliche Gewalt angetan worden ist; unerwartet. Aber vielleicht auch ein Zeichen dafür, daß ich als Lehrer nicht ganz außen vor liege. Es sind eben doch meine Schützlinge.

Der morgige Tag wird hart. Wunden heilen nur langsam. Aber vielleicht weniger hilflos. Und hoffentlich weniger wütend. Sicherlich kämpfend.

Und einfach nur da sein!

… und es kam schlimmer!

Die erste Unterrichtsstunde im neuen Schuljahr. Aufgekratzt. Deutsch mit den neuen Siebten. Acht Uhr zehn. Der Kaffee dampft (zusammen mit dem Hirn). Der Flur bebt. Mein Schreibtisch im Lehrerzimmer vibriert.

Hinein ins Vergnügen.

72 (in Worten: ZWEIUNDSIEBZIG) Augen gucken mich nach dem Durchschreiten der Türe an, erwartungsvoll. Der Fluchtreflex setzt kurzzeitig ein. Das Klassenzimmer ist für 30 Schüler möbliert.

Schock. Stühle holen! Einatmen. Loslegen. Tafelchaos. Alle Fenster auf.

[Spanisch hat bluten müssen, Französisch und Deutsch sind die Gewinner.]

Augen zu und durch.

[Nach überlebter Unterrichtsstunde mit 36 Schülern laufen Kollegen bei mir auf und zitieren aus meiner Unterrichtsstunde; Wort für Wort.]

Ich bereue nichts!

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