[Stockholmer] Telegramm 9

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Eine Woche Schule, und mein Repertoire an Schülerentschuldigungen bei Verspätungen wächst ins Unermeßliche, ich sollte langsam über ein Buch nachdenken. So wurde mir am Freitag gleich zwei mal die Erleuchtung ins Klassenzimmer gebracht. Die erste machte mir klar, daß Schüler mehr als drei Wochen bräuchten, um sich mit dem Stundenplan “synchronisieren” zu können, das sollte ich doch bitte in Betracht ziehen, wenn ich ein Unentschuldigt ins elektronische Klassenbuch eintragen würde. Bei der zweiten wurde mir nahegelegt, daß Busse auf Grund von Sprühregen generell über vierzig Minuten zu spät wären, eine Frage nach der genauen Problematik des Busses bei Sprühregen wurde nicht beantwortet, ich wüßte schon warum. Und ich hatte meine Schüler doch um Kreativität bei der Suche nach einer angemessenen Entschuldigung im Verspätungsfalle gebeten …

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Ich muß weiterhin an meinem Akzent im Schwedischen arbeiten. Neue Schüler, neuer Lehrer, und das Kichern im Klassenraum ist groß, das blanke Entsetzen tritt erst dann ein, wenn ich nach einem munteren Ratespiel feststelle, daß ich nicht aus Polen, Frankreich, Spanien, Norwegen oder Dänemark komme, sondern aus Deutschland. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, die Deutschen wären besonders streng.

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Ich glaube, nun werden einige Lehrer in Deutschland Sinnkrisen kriegen, aber ich sitze im Kurs Deutsch 4 tatsächlich nur mit drei Schülern im Klassenraum, ich muß natürlich nicht erwähnen, was das an pädagogischen Möglichkeiten freisetzt!

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Der Herbst ist da! Drei Tage Dauerregen, Temperatur nachts schon im einstelligen Bereich, der Winter kann kommen!

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Das Wochenende war einfach mal wieder viel zu kurz.

Tumba-Vasa-Berlin-Vasa-Föhr-Vasa-Tumba

Ein endloser Kreis ist es, den das Leben doch beschreibt. Zwei Monate Ferien, und am Anfang stand das >>> Tumba-Gymnasium. Obschon Anfang Juni noch nicht klar war, ob es denn auch das Ende wäre. Die Unterschrift auf dem Vertrag für eine Vollzeitstelle als Englisch- und Deutschlehrer wurde doch recht spät vollzogen, zwischen Vasamuseum und dem Stockholmer Rathaus, das Schicksal eines Touristenführers. Immerhin, sie wurde vollzogen, so daß der Sommer mit Ausnahmen den Touristen gehörte.  Mit Ausnahmen kann hier eine kurze Reise gen Berlin im Juli genannt werden, die freilich jeden Kalender sprengte, den es auf dieser Welt gibt, es gilt zu beklagen, daß der Tag nicht 100 Stunden hat, so daß auch diesmal einige auf der Strecke blieben. Es sei ihnen aber an dieser Stelle versichert: ich komme wieder! Bedauerlich allerdings ist der Umstand, daß die Flugpreise inzwischen deutlich angezogen haben, man kann durchaus einen Direktflug von Sthlm nach Berlin für den Preis einer Reise von Frankfurt nach New York bekommen. Wie gut, daß ich die Flüge für Weihnachten schon im März dieses Jahres gebucht hatte …

Neben Berlin galt es natürlich, der Insel Föhr einen Besuch abzustatten, lehrreich war dieser, wie immer. So habe ich zur Kenntnis genommen, daß just in dieser Saison die Quallen in der Nordsee extrem ausgeleiert waren,  man sollte es sicherlich mit fett umschreiben können. Zudem habe ich, oh Premiere, daß erste mal einen Einsiedlerkrebs beim Einzug beobachtet. Während unzähliger Versuche einer fotografischen Aufnahme dieses Ereignisses, liegend und stehend im Watt, gab mir eine vorbeikommende Touristin den Tipp, daß man ihn doch mal schütteln und umdrehen sollte, damit er aus dem geklauten Hause heraus käme. Ich merkte dazu nur an, daß ich alles versucht hätte: höflich anklopfen, leicht ankippen und ein bißchen pusten. Schütteln wäre mir dann aber doch zu brachial, man will ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Die Nachtaktivitäten sollen noch erwähnt werden, schließlich wurde ja diesen Sommer das Firmament mit Sternschnuppen gesprengt! Dabei die Internationale Raumstation ISS zu finden, war nicht ganz leicht, aber es glückte, gleich zwei mal. Nachdem man die Himmelsrichtungen sortiert und in die richtige Richtung geguckt hatte.

Und drum herum immer wieder Touristen, amerikanische und deutschsprachige. Die Amis meinten, Frau Merkel wäre inzwischen zu stark, die deutsprachigen hingegen wollten immer nur wissen, ob denn nun König und Königin in der Stadt wären. Zu ersteres hatte ich vorsichtshalber keine Meinung, bezüglich König und Königin konnte ich immer nur darauf verweisen, daß auch diese mal Urlaub hätten und deswegen nicht zugegen wären.

Und dann schließt sich der Kreis wieder, vor zwei Wochen hat die Schule begonnen, in Stockholm und am Tumba-Gymnasium. Und Schockschwerenot, nachdem ich den Bahnhof und die Schule wiederfand, sogar meine Chefin ausmachen konnte, sprang diese auf mich zu und umarmte mich, als ersten Akt im neuen Schuljahr. Öh, irgendwie, nach knapp acht Jahren Schweden, habe ich mich an das, genau das, noch nicht gewöhnt, es zieht mir doch immer wieder die Schuhe aus.  Fehlt nur noch, daß die Schüler mit offenen Armen auf mich zu hüpfen (ich glaube, dann renne ich aber weg, der Sicherheit halber).

Nun denn, ich bin gespannt, was dieses Schuljahr so alles zu bieten hat … neue Schüler, neue Hausaufgaben, neue Gründe für alles und nichts im Klassenzimmer!  Es wird schon klappen [auch wenn mir ein Schüler vorgestern eröffnete, daß er kein Englisch spreche, auch wenn er aus dem vorigen Kurs mit Bestanden gekommen sei – ei ei Überraschungen]. Ich werde berichten!

August 2012 Föhr - Ohne Element.
August 2012 Föhr (bei Wyk) – Ohne Element.

August 2012 Föhr (bei Wyk) - Leblos.
August 2012 Föhr (bei Wyk) – Leblos.

August 2012 Föhr (bei Wyk) - Eingezogen.
August 2012 Föhr (bei Wyk) – Eingezogen.

August 2012 Föhr (bei Wyk) - [völlig blau] gestrandet.
August 2012 Föhr (bei Wyk) – [völlig blau] gestrandet.

August 2012 Föhr (bei Wyk) - platzverbrauchend.
August 2012 Föhr (bei Wyk) – platzverbrauchend.

[Stockholmer] Telegramm 8

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Ich habe alle Schüler am Montag letzter Woche heil nach Sthlm zurückgeflogen. Herrje, es verlief doch alles mehr als glatt. Keine nächtlichen Kollateralschäden, keiner verirrte sich, keiner schmiß das Frühstück. Brav wäre wohl das richtige Wort zur Beschreibung des Verhaltens. Allerdings müssen wir noch an der Rezeption arbeiten. Das deutsche Essen, vor allem Flammkuchen, sind nicht so gut angekommen, zudem wunderte man sich über die S-Bahn. Straßenbahn fahren war ein ganz großes Highlight. Leicht bedröppelt war man, als sich die Türen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht automatisch öffneten wie in Sthlm, wir hätten mehr als einmal bald den Absprung von der S-Bahn verpaßt. Daß ich ihnen doch tatsächlich das >>> Alexa gezeigt habe, werde ich mir nie verzeihen.

2012/04/23 Berlin Alexanderplatz. Fernsehturm.

2012/04/23 Berlin Alexanderplatz. Fernsehturm. Auf >>> instagr.am.

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Die Walpurgisnacht wurde mal wieder heftigst hier in Schweden gefeiert, einer der Tage, an denen das Hirn kollektiv in Bierfässer und Vodkaflaschen geschmissen wird. Dementsprechend überrant waren auch die staatlichen Alkoholverkaufsläden am gestrigen Tage … Sie kaufen um ihr Leben.

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Der Frühling streckt seine Arme nach Schweden und Sthlm aus. Im Moment erfreuen wir uns bei 15°C und blauem Himmel. Damit kommen wir sicherlich nicht auf die knapp 30°C im Binnenland von Deutschland, liegen dennoch weit über den Temperaturen auf den norddeutschen Inseln. Solange nicht wieder Schnee seinen Einzug feiert, soll es mir recht sein.

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Wer es übrigens immer noch nicht mitgekommen hat: Den Tag der Arbeit feiert man in Schweden durch … offene Geschäfte. Genau! Wer heute sein Geld aus dem Fenster werfen möchte, so man es nicht schon gestern im staatlichen Alkoholverkaufsgeschäft getan hat, kann hier in Schweden nach Herzenslust einkaufen gehen. So etwas wie Beschränkungen der Öffnungszeiten gibt es hier nicht. Man mag vielleicht nur an leeren S-Bahnen und längeren Taktzeiten erkennen, daß auch hier eigentlich ein arbeitsfreier Tag begangen wird.

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Meiner einer wird sich nun wieder ins >>> Stockholmer Rathaus begeben, in Vorbereitung auf die Arbeit mit Touristen im Sommer. Zwei von fünf geforderten Führungen habe ich schon besucht, drei kommen nun gleich und direkt, am Donnerstag noch ein kurzer Kurs, und dann darf ich endlich hochoffiziell im Stockholmer Rathaus Touristen herumführen. Wenn das nicht ist!

2012/04/29 Stockholm. Aussicht Stadshuset.

2012/04/29 Stockholm. Aussicht Stadshuset. Auf >>> Instagr.am.

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