An der Wand. Und weiter.

Durchatmen.

Nach vorne gucken.

Was man sicher in den letzten Monaten bemerkt hat, gesehen hat, nicht lesen konnte: der Blog war eingeschränkt, schon fast tot. Nach meiner Rückreise aus Mexiko war hier und an dieser Stelle der Totentanz ausgebrochen. Ursache hierfür, einzig allein hierfür, war die Tatsache, daß man meinerseits beruflich überfordert war, auf zwei Gleisen. Und nun will ich nicht mit der unendlichen Mär beginnen, daß Lehrer zu wenig arbeiten und zu viel Geld bekommen. Ich habe Buch geführt: Von Januar bis Juni habe ich im Schnitt 70 h die Woche gearbeitet, davon 50 in der Schule; im Klassenzimmer, am Schreibtisch, in Konferenzen, in dringenden Gesprächen mit der Schulleitung. Mit meinen Deutschkursen im Flieger nach Berlin, allein auf Fortbildung in London. Elterngespräche, schriftliche Einschätzungen, nationale Standardtests, Team, Englisch, Deutsch. Den Rest habe ich mit nach Hause genommen. Oder nach Berlin. Oder nach London. Teilweise sogar nach Föhr.

Andere Kollegen sind vor mir umgefallen, ich habe mich durchgehangelt. Von Woche zu Woche, hier und da mit einem Kurzabstecher gen Berlin oder nach Föhr. Dringend gebraucht, und umgehend geholfen, um dem Wandküssen in innigster Form vorzukommen.

Und ja, wir haben sechs Wochen Sommerferien. Aber wir arbeiten eben auch 45 h die Woche. Rein theoretisch. Um die Ferien einzuarbeiten. Von 70 steht nirgendwo etwas. Und nein, Lehrer in Schweden verdienen nicht überdurchschnittlich viel. Die Hälfte bis zwei Drittel dessen, was ein deutscher Lehrer verdient.

Das war das eine Gleis.

Das andere hatte nur einen Prellbock parat, in den ich dann auch im Juni reingeknallt bin, ein neuer Rektor, der mit mir nicht konnte. Passiert. Allerdings war mein Kündigungsprozeß eine unendliche Geschichte. Zu den 70 Stunden wöchentliche Arbeitszeit hinzugerechnet. Meine Kollegen im Team haben es treffend ausgedrückt: Renke, Beine rasieren, wie 25 aussehen und einen kurzen Rock, dann kommst du weiter! Denken solle ich nicht, meinten sie. Und um Gottes Willen nicht in seine geistige Nähe kommen, ein Alphatier schlägt man nicht so einfach. Die Kündigung dann erst im Juni, viel zu spät. Um sich für das nächste Schuljahr bewerben zu können. Und ohne Name, wie immer die letzten 12 Monate, der werte Rektor kannte sein Personal einfach nicht.

So bin ich also an der Wand entlang gegangen. Zwar ohne innige Küsse, aber dennoch leicht zweifelhaft. Verwirrt. Kollegen waren es, die gegen meinen Rauswurf protestierten, und die Schüler, die u.a. schrieben: „Sir, we will miss you! You are crazy. You are strict. But I learned the most of my English by participating in your course.“

25 Schüler in der eigenen Klasse, die seit zwei Jahren einfach nicht hochkamen. Die ihr Abitur aufs Spiel setzten. Mit denen man wöchentlich in Einzelgesprächen saß. Ihre Lehrer kontaktierte. Komprisse aushandelte. Und ab und zu mal ihre Hinterfront bemühte, wenn auch nur verbal. Ein Schüler, der vom Lehrerpersonal gemobbt wurde. Theater täglich. Mit der Kollegin, mit meiner Chefin. Mit meinem Schüler. Der ohne ein Bestanden in Schwedisch nicht weiterkommen konnte. Welches die Kollegin ihm nicht geben wollte. Der angeblich nicht lesen und schreiben konnte, obschon er bei mir in Englisch beides konnte.

Der auf dem Abiball seinen Lehrer umarmt und ein bißchen der aufgebrachten Energie zurück gibt. Und dafür sorgt, daß man sich stolz in seinem Beruf fühlt.

Ehemalige Schüler, die bis heute Kontakt halten und sich für die Reise nach Berlin bedanken. Daß sie die Möglichkeiten hatten, ohne Sir Renke die deutsche Kultur zu entdecken, mit der Sprache zu spielen. [Neben Pflichtprogramm durften die Schüler auch selbständig unterwegs sein.]

Daß man Fehler im Klassenzimmer machen durfte. Kreativ sein durfte. Einfach ausprobieren durfte. Denn nichts anderes macht man meinerseits, wenn das Schwedisch nicht gleich jede Ritze im Hirne ausfüllen möchte. Wagen! Probieren! Lernen!

Was der Rektor nicht gesehen hat, vielleicht, weil er es nicht sehen konnte. Oder vielleicht nicht wollte.

Deswegen die Stille in den letzten Monaten, und die Zurückhaltung.

Und dann dieser Sommer. Nachdenken. Sich bewußt dafür entscheiden, in die Arbeitslosigkeit zu gehen, zumindest für ein paar Tage. Um zu reflektieren. Nachzudenken.

Will man das? Kann man das? Soll man das?

Und weiter! Ich habe fertig reflektiert. Ich bin nicht Lehrer geworden, um reich zu werden. Also werde ich auch nicht über meinen Lohn klagen. Ich konnte bis Juni morgens aufstehen und mich auf den Tag freuen. Auch wenn er anstrengend werden sollte. Und ich werde meinen neuen Schülern in Märsta (beim Flughafen Arlanda, ich komme einfach nicht davon weg) und meinen neuen Kollegen wieder die hundert Prozent geben, wenn nicht sogar mehr, die ich bisher am Tumba Gymnasium aufgebracht habe.

Was vielleicht auch daran liegt, daß mich meine Schüler und meine Kollegen immer in dem unterstützt haben, was ich bisher so alles veranstaltet habe. Und daß meine Freunde einfach mal zugehört haben. Und neue Perspektiven auf den Tisch gelegt haben.

Und daß ich eigentlich meinen Beruf doch mag.

Der neue Job wartet, ich werde wohl meine Neurosen und Phobien ablegen müssen! Neue Schule, neues Kollegium, wie, was, wann, wo? Schrecklich. Kaltes Wasser. Kopfsprung. Augen zu und durch!

Und vielleicht könnte man, nicht nur in Schweden, einfach mal davon ablassen, den Lehrer/die Lehrerin immer nur über die Dauer seiner/ihrer Ferien zu definieren.

Und weiter!

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