Die Segel streichen …

… oder Augen zu und durch?

Wieso gibt es eigentlich nicht den ultimativen Guide? Durchs Leben? Für alles? Und nichts?

Wieso sitze ich abends um halb elf vor dem PC und überlege, ob ich kündigen will?

Wieso darf ich nicht das in die Welt posaunen, was mir eben in den Sinn kommt?

Wieso funktioniert meine Schule nicht?

Wieso gibt es eigentlich ein (pädagogisches) Pflichtgefühl?

Wieso habe ich keine Lust mehr?

Wieso muss ich diesen ganzen Mist mit mir selbst abmachen?

Weil die Summe aller meiner Fragen das Leben ist?

Weil ich eigentlich völlig verwirrt bin.

Weil zehn Jahre Schweden eben doch nicht genug sind.

Weil ich an meine Schüler denke.

Weil ich Panik bekomme.

Weil es mir nicht gutgeht.

Und morgen?

[zahnärztliche] Erleichterung!

Man kann den Tag heute so zusammenfassen:

a) Eine Erkältung, viel zu früh für die Saison, sprengt die Nasennebenhöhlen.

b) Nach fünf Unterrichtsstunden, einer Schlägerei in der Schule samt Konferenz mit einem Kollegen pocht es links und rechts der Nase. Mitunter scheint es, das Hirn möchte fliehen, die Behausung reicht einfach nicht. Der Anblick unserer Baracken, die in der Nacht vom Samstag zum Sonntag einer kleinen exothermen Reaktion >>> zum Opfer fielen, hilft erstaunlicherweise nicht.

c) Ich liege um achtzehn Uhr im Zahnarztstuhl. Die Belüftung, also dieser Ministaubsauger, der alles ab- und ausschlürft und gleichzeitig trocken bläst, macht es unmöglich, den Schmerz zu lokalisieren: Nebenhöhlen oder Kälte-Blas-den-Zahn-an-Schmerz. Ich finde das verwirrend.

d) Meine Zahnärztin teilt mir mit: Renke, wir haben es geschafft! 15.000 kr (es handelt sich um den geringen Betrag von 1.500 €) sind gerissen! Bis Mai gibt es alles für die Hälfte. Auf Grund dessen sieht man den Renke taumelnd, sicher vor Freude, aus der Praxis schleichen.

e) Ich freue mich auf meine Zahnärztin. An einem Dienstag. Im Oktober. Nach zehn Stunden Schule. FÜR DIE HÄLFTE! Mit Nebenhöhlen. Und einem Lächeln.

Gute Nacht!

Wütend? Hilflos? Abgekämpft!

Ich glaube, denke, meine, bin mir fast sicher, daß es kaum Momente in meinem Berufsleben gibt, die mir zusetzen. Und nun meine ich nicht Arbeit. Nicht das übliche, eigentlich nett gemeinte Klagen meinerseits über meinen Schreibtisch, die Prüfungen, Planungen des Unterrichts. Und auch nicht die Disziplin im Klassenzimmer. Das Gerangel mit Kollegen um Bücher und Papier.

Nein. Das setzt mir nicht zu. Ganz und gar nicht. Bis zum gestrigen Abend war ich mit der Schule und mir im Reinen. Auch mit meiner leichten Verrücktheit im Klassenzimmer, deren Ursprung der Wille ist, mit viel Engagement und Herzblut jungen Menschen, sind sie doch fast noch Kinder, eine fremde Sprache beizubringen.

Und es ist selbstverständlich, daß ich als Klassenlehrer diese jungen Menschen begleiten darf. Hier und da sogar ein bißchen Einfluß nehme. Sanft, mit Nachdruck, mit dem Renke-Lächeln (es zieht sich von einem Ohr zu dem anderen). Und manchmal recht bestimmt.

Dies alles kann ich vertreten, verteidigen, akzeptieren, konstruktiv kritisieren lassen.

Aber abends um zehn eine Nachricht zu erhalten, von Eltern, deren Kind auf dem Weg von der Schule nach Hause von anderen Schülern, von größeren, in der Überzahl, geschlagen wurde, – das ist hart. Am Morgen danach die Spuren im Gesicht des Kindes zu sehen – das ist auch hart. Dafür Sorge zu tragen, daß dieses Kind keine Angst vor der Schule bekommt, das ist ebenso hart. Mit anderen Klassenlehrern und Kollegen und der Schulleitung zu sprechen, das macht vielleicht hart.

Dem Kind eine Stunde in die Augen zu gucken, vorbei an den Schrammen und den blauen Flecken, ist hart.

Zu akzeptieren, daß man sich auf die Jüngsten in der Schule stürzt, in der Überzahl, feige, ohne Anlaß, das ist hart.

Und letzten Endes diesen Tag selbst zu überstehen, das ist hart.

Ich finde es an diese Stelle bedauerlich, daß ich der Schweigepflicht unterstellt bin. Das ist auch hart. Sonst würde ich hier ausführlich darlegen, warum ich wütend bin, immer noch, die letzten Stunden in der Schule hilflos war, und mich im Moment völlig abgekämpft fühle.

Mein Gerechtigkeitssinn läuft Amok.

Ich glaube, ich habe seit gestern das erste mal, mit voller Wucht, die Dimensionen meines Berufes erfahren. Und auch dies ist hart. Ein Panikgefühl im Magen zu bemerken, wenn man Kenntnis darüber erlangt, daß einem Schüler körperliche Gewalt angetan worden ist; unerwartet. Aber vielleicht auch ein Zeichen dafür, daß ich als Lehrer nicht ganz außen vor liege. Es sind eben doch meine Schützlinge.

Der morgige Tag wird hart. Wunden heilen nur langsam. Aber vielleicht weniger hilflos. Und hoffentlich weniger wütend. Sicherlich kämpfend.

Und einfach nur da sein!

… und es kam schlimmer!

Die erste Unterrichtsstunde im neuen Schuljahr. Aufgekratzt. Deutsch mit den neuen Siebten. Acht Uhr zehn. Der Kaffee dampft (zusammen mit dem Hirn). Der Flur bebt. Mein Schreibtisch im Lehrerzimmer vibriert.

Hinein ins Vergnügen.

72 (in Worten: ZWEIUNDSIEBZIG) Augen gucken mich nach dem Durchschreiten der Türe an, erwartungsvoll. Der Fluchtreflex setzt kurzzeitig ein. Das Klassenzimmer ist für 30 Schüler möbliert.

Schock. Stühle holen! Einatmen. Loslegen. Tafelchaos. Alle Fenster auf.

[Spanisch hat bluten müssen, Französisch und Deutsch sind die Gewinner.]

Augen zu und durch.

[Nach überlebter Unterrichtsstunde mit 36 Schülern laufen Kollegen bei mir auf und zitieren aus meiner Unterrichtsstunde; Wort für Wort.]

Ich bereue nichts!

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